Dez 28 2008
Sollte eine friedliche Lösung des Tibet-Problems zu seiner Lebzeit nicht gefunden werden, wird der Freiheitskampf der Tibeter auch gewaltsame Züge nehmen.
Von Tsewang Norbu (VTD)
Es ist eine große Ehre für mich als Tibeter, heute hier in Göttingen auf dem 40. Jahrestag der GfbV sprechen zu dürfen. Es begann vor gut einem Vierteljahrhundert, als Anfang 1983 der damalige Asienreferent Ihrer Gesellschaft Kontakt zu uns aufnahm. Bereits in kürzester Zeit wurde ein Buchprojekt „Tibet - Traum oder Trauma“ in Angriff genommen und realisiert.
Für den Verein der Tibeter in Deutschland e.V., dessen Vorstand ich damals angehörte, war das wie ein Geschenk des Himmels. Wir hatten zuvor seit unserer Gründung im Dezember 1979 zwar hier und da mit anderen deutschen Organisationen punktuell zusammengearbeitet, aber die GfbV mit ihrer klaren Zielsetzung zum Schutze der Rechte eines “ganzen” Volkes kam den Anliegen des tibetischen Volkes am nächsten. Anders als viele andere Organisationen in Deutschland hat die GfbV ihre Tibet-Arbeit nicht nur fortgesetzt, sondern auch weiter ausgebaut. Dafür möchte ich Ihnen heute im Namen aller Tibeter in Deutschland unseren tiefen Dank aussprechen. Darüber hinaus erlaube ich mir, auch im Namen der Uiguren das gleiche zu tun, denn wir teilen das gleiche Schicksal und die Uiguren erfahren ebenfalls Ihre Unterstützung. Auf einer Festveranstaltung können aus Zeitgründen nicht alle sprechen.
Der gegenwärtige Konflikt zwischen China und Tibet ist nicht der erste, im Gegenteil. Die Konflikte zwischen China und Tibet reichen viele Jahrhunderte zurück und werden durch die langen gemeinsamen Grenzen erschwert. Neu in diesem Konflikt ist lediglich das Selbstverständnis des neuen Machthabers in Beijing mit altem Anspruch, der diesem Konflikt eine neue Qualität verleiht. Die VR China erhebt nicht nur ihren angeblichen “Souveränitätsanspruch” auf Tibet, sondern gemäß ihres ideologischen Sendungsauftrags gibt sie in Tibet ganz allein den Ton an und bestimmt die Entwicklung Tibets selbst.
Den sino-tibetischen Beziehungen seit der Besatzung 1949-50 liegen kolonialistische Herrschaftsverhältnisse zugrunde. Die Förderung der “Entwicklung” Tibets hat im Grunde genommen primär den Zweck, die chinesische Bevölkerung in Tibet zu unterstützen, Rohstoffe und Produkte für Chinas Industrie zu liefern und Erträge zum Nutzen Chinas zu steigern. Die Tibeter indessen werden im eigenen Land zusehends marginalisiert und haben wenig Kontrolle über ihre natürlichen Ressourcen.
Die Situation für die Tibeter hat sich in jüngster Zeit im Bereich der Gesundheit, Bildung, Religionsfreiheit und Umwelt verschlechtert. Die Marginalisierung im Wirtschaftsbereich hat neue Dimensionen erreicht. All dies gilt in gleichem Unfang für Ost-Turkestan und die Mongolei.
Acht Gesprächsrunden zwischen den Gesandten des Dalai Lama und den Vertretern Chinas seit September 2002 haben zu keinem Ergebnis geführt. Viele Tibeter & Tibet-Unterstützer fühlen sich bestätigt, dass Chinas Bereitschaft für Gespräche lediglich ein geschickter PR-Schachzug ist.
Interessant ist wie Beijing einerseits den Anspruch erhebt, dass Tibet ein integraler Teil der VR China ist, aber andererseits Tibet wie ein fremdes Land behandelt. Dies kam bei den Olympischen Spielen 2008 sehr deutlich zu Tage. Für uns Tibeter & andere Völker unter chinesischer Besatzung wie die Uiguren und Mongolen ist der einzige positive Nebeneffekt der Beijing Olympiade, dass trotz seines Souveränitätsanspruchs auf sie, China im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen diese besetzten Gebiete stets wie fremde Länder behandelt. So z.B. gilt das Versprechen des freien Zugangs für die Presse weder für Tibet und Ost-Turkestan noch für die Mongolei. Daher möchte ich, dass die Völkerrechtler diesen Tatbestand zur Kenntnis nehmen, dass mit dieser Sonderbehandlung Tibets, Ost-Turkestans und der Mongolei die VR China juristisch gesehen klar den Tatbestand erfüllt, dass diese Länder nach chinesischem Selbstverständnis ihrem Hoheitsgebiet “nicht” angehören.
Der Schlüssel zur Lösung der Tibet-Frage liegt in Beijing. Ein starker internationaler Druck kann für die Tibeter etwas Abhilfe schaffen. Die VR China sitzt dem Trugschluss auf, dass das Tibet-Problem mit dem Ableben des XIV. Dalai Lama ein für allemal ein Ende finden wird. Mit ihrer Hinhalte-Taktik spielt China auf Zeit. Im Falle Tibets dürfte es nur dem charismatischen Dalai Lama gelingen, die Tibeter auf einen friedlichen Freiheitskampf einzuschwören. Sollte eine friedliche Lösung des Tibet-Problems zu seiner Lebzeit nicht gefunden werden, wird der Freiheitskampf der Tibeter auch gewaltsame Züge nehmen. “Time is running out”. Nicht für Tibet läuft die Zeit ab, wie China dem Ableben des gegenwärtigen Dalai Lama entgegenfiebert, sondern die Zeit läuft ab für eine friedliche Lösung des Tibet-Problems.
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