Dez 11 2008
Begriffe wie Ökologie, Menschenrechte, Menschenwürde, Moral sind für die meisten Menschen immer noch ein Fremdwort.
Folgendes Interview ist geführt von Esther Klung von Jalicano Magazin. Es erschien in 408 Ausgabe.
Herr Lobsang Phuntsok. Wann sind Sie nach Deutschland gekommen und warum? Hatten Sie Schwierigkeiten bei Ihrer Ausreise?
1950 haben die Chinesen Tibet annektiert. Am 10. März 1959 kam es zu einem Volksaufstand in Tibet, der blutig niedergeschlagen wurde. Danach flohen Hunderttausende über das Himalaya-Gebirge nach Indien und Nepal, unter anderem auch ich mit meinen Eltern. Ich war gerade mal 8 Jahre alt. Während der Flucht und später in Indien in den Flüchtlingslagern sind Abertausende von Tibetern gestorben, die Meisten jedoch während der Flucht an Erfrierungen und Erschöpfung. Wir hatten Glück, da mein Vater ein Kaufmann war und somit die Wege nach Indien und Nepal von seinen früheren Reisen gut kannte. Ich wurde wie viele andere tibetische Kinder in einer Flüchtlings- schule in Simla /Nordindien untergebracht. 1963 tauchte eine deutsche Delegation einer humanitären Organisation in unserer Schule auf. Als sie unser Elend und die verzweifelte Lage sahen, erklärten sie sich bereit, 12 tibetische Kinder nach Deutschland zu holen und ihnen eine Ausbildung zu ermöglichen. Auf diesem Wege kam ich dann als Flüchtlingskind nach Deutschland.
Bitte schauen Sie den vollständigen Text hier: interview-lobsang-phuntsok
Wie werden Tibeter Ihrer Meinung nach in Deutschland wahrgenommen?
Das Bild der Tibeter hier in Deutschland ist vielschichtig. Einige wenige haben eine sehr romantische Vorstellung von Tibet im Sinne eines „Shangrila“. Aber die Mehrheit der Deutschen, insbesondere die ältere Generation, hat ein sehr fundiertes Wissen über Tibet und seine Kultur. Viele haben die Bücher von Heinrich Harrer und Peter Aufschneider, zwei Österreichern, die 7 Jahre vor der chinesischen Annexion in Tibet gelebt haben und wie kaum ein anderer Ausländer das Land und die Menschen kannten, gelesen. Daher sind die Deutschen gut informiert und so leicht kann keiner ihnen etwas vormachen. Für die deutsche Politik und Wirtschaft scheint Tibet manchmal ein unangenehmes Thema zu sein. Hier das wirtschaftliche Interesse Deutschlands auf dem größten Markt der Welt, dort die gravierenden Menschenrechtsverletzungen in Tibet, aber auch in China selbst. Hier ein totalitärer Staat, der mehrere Millionen Menschen auf dem Gewissen hat und von Menschenrechten und Freiheit nichts wissen will, aber wie ein rohes Ei behandelt und hofiert wird, und dort der Friedensnobel preisträger S.H. der Dalai Lama, ein Inbegriff für Frieden und Versöhnung, der wie ein Aussätziger von westlichen Politikern gemieden wird. Diese Gegensätze hinterlassen bei jedem ein mulmiges Gefühl. Der Spagat zwischen westlichen Werten, wie Menschenrechten einerseits, für die die europäische Kultur steht und auf die sie zu Recht stolz ist, und die Gewinnmaximierung anderseits, ist schwierig und unglaubwürdig. Die Kanzlerin Angela Merkel hat hier mit sehr viel Mut und letztlich polischer Weitsicht ein Zeichen gesetzt und gegen enormen Widerstand in der eigenen Koalition den Dalai Lama empfangen. Die ganze Welt hat dies mit Bewunderung und Respekt registriert, ja sogar die chinesische Intelligentia und die Dissidenten in China und im Ausland haben diesen Schritt begrüßt. Sie sehen, dass der Westen für seine Werte eintritt und sie mit ihm im Ernstfall rechnen können. Wir Tibeter sind jedenfalls Frau Merkel und Frau Wieczoreck-Zeul äußert dankbar für diesen Empfang!
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